Jäger-Sammler-Gesellschaften waren offenbar relativ unempfindlich gegen Klimaschwankungen - zeigen jedenfalls Daten der mesolithische Siedlung von Star Carr (Yorkshire). Neue Untersuchungen zum Monsunsystem geben weitere Einsichten in das Ende der Induszivilisation. Extremwetterereignisse in Guatemala über 300 Jahre, die Geschichte der Metallverarbeitung im Balkan, die eine viel intensivere präkolumbianische Besiedlung des Amazonasbeckens sowie die seit einigen Jahren durch die Forschung geisternde Frage, ob die Kälteperiode der Jüngeren Dryas auf einen Kometen zurückgeht, sind weitere Themen dieses Monatsrückblicks. Viel Spaß beim Lesen!

Mesolithische Jäger-Sammler in Star Carr relativ unempfindlich gegen Klimaschwankungen

Der mesolithische Fundort Star Carr (Yorkshire) vor etwa 11400 bis 10400 Jahren ist eine der frühesten Siedlungen auf den Britischen Inseln nach dem Rückzug des Eises. Nun wurden die gut datierten archäologischen Spuren mit hochauflösenden Klimadaten von Bohrkernen aus den benachbarten Seen korreliert. Demnach war die Besiedlung über mehrere Jahrhunderte kontinuierlich und robust, obwohl es mehrere erhebliche Klimaeinbrüche gab, die die Lufttemperaturen sowie die örtliche Landschaft und Ökosysteme betrafen. Die damalige Jäger-Sammler-Gesellschaft war demnach relativ unempfindlich auch gegenüber starken klimatischen Schwankungen. Die Siedlungsaktivität reagierte jedoch auf die intrinsischen, langandauernden Veränderungen der nacheiszeitlichen Ökosysteme.

  • Blockley, Simon, Ian Candy, Ian Matthews, Pete Langdon, Cath Langdon, Adrian Palmer, Paul Lincoln, u. a. „The Resilience of Postglacial Hunter-Gatherers to Abrupt Climate Change“. Nature Ecology & Evolution 2, Nr. 5 (Mai 2018): 810–18. https://doi.org/10.1038/s41559-018-0508-4.

Veränderungen des Monsunsystems am Ende der Induszivilisation

Ein neuer Sedimentbohrkern vom Kontinentalrand Pakistans im Arabischen Meer ermöglicht die Rekonstruktion des Wintermonsuns der letzten 6000 Jahre. Sie zeigen einen starken Wintermonsun vor 4500 bis 3000 Jahren in einer Phase geringer Temperaturunterschiede zwischen Nord- und Südhalbkugel. Sie fällt ungefähr zusammen mit dem Ende der großen Stadtstaaten gegen Ende des 5. Jt. und der dezentralen, ländlichen Phase der Induszivilisation bis vor etwa 3200 Jahren. Die Autoren meinen, dass die Abnahme des Sommermonsuns und stärkere Trockenheit in den Schwemmebenen der großen Flüsse die Städte beeinträchtigte, während der zunehmende Winterregen den dezentralen Ackerbau in den Vorgebirgsflächen des Himalaya begünstigte.

  • Giosan, L., W. D. Orsi, M. Coolen, C. Wuchter, A. G. Dunlea, K. Thirumalai, S. E. Munoz, u. a. „Neoglacial Climate Anomalies and the Harappan Metamorphosis“. Clim. Past Discuss. 2018 (4. April 2018): 1–30. https://doi.org/10.5194/cp-2018-37.

Extremwetterereignisse über 300 Jahre in Guatemala

Ein neuer Datensatz zu Niederschlagsereignissen an der Pazifikküste Mittelamerikas zwischen 1640 und 1945, beruhend auf historischen Aufzeichnungen, ist nun verfügbar. Die Autoren haben Protokolle der Stadtratssitzungen von Antigua Guatemala und Guatemala-Stadt auf Hinweise auf Starkregen, Sturzfluten, Ernteausfälle und ähnliche Ereignisse ausgewertet und jedes Jahr auf einer fünfstufigen Skala zwischen sehr feucht und sehr trocken klassifiziert. Die Phase von 1640 bis 1740 war von längerer Trockenheit geprägt, wohl weil sich das Regenband der Innertropischen Konvergenzzone (ITKZ) südwärts verlagerte, während feuchtere Bedingungen die Zeit von 1760 bis 1810 dominierte, gefolgt von kürzeren Trockenperioden um 1820 und 1840. Der Datensatz enthält auch Informationen über die Auswirkungen auf die Gesellschaft.

  • Guevara-Murua, A., C. A. Williams, E. J. Hendy, und P. Imbach. „300 years of hydrological records and societal responses to droughts and floods on the Pacific coast of Central America“. Clim. Past 14, Nr. 2 (15. Februar 2018): 175–91. https://doi.org/10.5194/cp-14-175-2018.

Hohe Bleiverschmutzung im Balkan von der Bronzezeit bis zur industriellen Revolution

Bleispuren in der Umwelt sind ein Indikator für Metallverarbeitung. Daten aus einem Torfmoor in Serbien erlauben nun die Rekonstruktion der Metallverarbeitung im östlichen Mittelmeerraum. Das erste Blei ist zu Beginn der Bronzezeit um 3600 v.Chr. nachweisbar. Zwischen 600 v.Chr. und 1600 n.Chr. steigt die Konzentration praktisch linear an. Insbesondere kam es, anders als in Westeuropa, nicht zu einem Abfall nach dem Ende des Weströmischen Reichs, und im Mittelalter war die Metallverarbeitung auf dem Balkan mindestens so intensiv wie in den Bergbauregionen Westeuropas.

  • Longman, Jack, Daniel Veres, Walter Finsinger, und Vasile Ersek. „Exceptionally High Levels of Lead Pollution in the Balkans from the Early Bronze Age to the Industrial Revolution“. Proceedings of the National Academy of Sciences, 23. Mai 2018, 201721546. https://doi.org/10.1073/pnas.1721546115.

Dichte präkolumbianische Besiedlung des Amazonas durch Geoglyphenbauer

Geoglyphen sind geometrische Erdanlagen im Amazonasbecken, die Siedlungen einer präkolumbianischen Kultur vor etwa 2000 bis 650 Jahren darstellen. Bisher war angenommen worden, dass sie sich auf die Schwemmebenen der großen Flussläufe beschränken. Neue Entdeckungen am Oberlauf des Rio Tapajós zeigen nun, dass die Geoglyphenkultur ein viel größeres Territorium umfasste als angenommen. Anhand der Verteilung der bekannten Erdwerke relativ zu bestimmten Umwelt- und Terrainmerkmalen lässt sich abschätzen, wie viele Siedlungen in den noch nicht ausreichend erforschten Gegenden zu erwarten sind. Demnäch müssten sich Geoglyphen auf über 400.000 km2 im südlichen Amazonas finden, was auf eine Bevölkerung von 500.000 bis 1 Mio. Menschen deutet - mit entsprechenden Auswirkungen auf die Umwelt.

(Siehe auch Panorama 4/2017: Eismessen, Maya, Geoglyphenbauer und Dengue-Fieber).

  • Souza, Jonas Gregorio, Denise Pahl Schaan, Mark Robinson, Antonia Damasceno Barbosa, Luiz E. O. C. Aragão, Ben Hur Marimon Jr, Beatriz Schwantes Marimon, u. a. „Pre-Columbian Earth-Builders Settled along the Entire Southern Rim of the Amazon“. Nature Communications 9, Nr. 1 (27. März 2018): 1125. https://doi.org/10.1038/s41467-018-03510-7.
  • Albat, Daniela. „Amazonas war dichter besiedelt als gedacht“. Scinexx, 28. März 2018. http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-22572-2018-03-28.html.

Hinweise auf globale Waldbrände in der Jüngeren Dryas

Seit einigen Jahren wird der Einschlag von mehreren Fragmenten eines großen Kometen vor 12800 Jahren als Auslöser der globalen Kälteperiode der Jüngeren Dryas (vor etwa 12700-11700 Jahren) diskutiert, wobei die bisherigen Belege indirekt, nicht eindeutig und daher heftig umstritten sind. Nun hat ein Autorenteam weltweite Belege für Biomassebrände zu jener Zeit zusammengetragen. Demnach finden sich höhere Konzentrationen an Ruß und Substanzen wie Ammonium oder Stickoxide in Eisbohrkernen aus Grönland, Antarktika und Sibirien sowie Holzkohle in Sedimenten aus allen Kontinenten in verschiedenen Landschaftsformen wie Seen, Höhlen und Dünenfeldern. Allerdings deuten häufige Brände nicht unbedingt auf Einschläge, sondern können andere klimatische Ursachen haben. Als besonderen Hinweis auf einen Kometeneinschlag sehen die Autoren Nanodiamanten und Schmelzglas, die typischerweise nicht bei normalen Waldbränden entstehen, aber beim Tunguska-Ereignis 1908 nachgewiesen wurden - wobei aber auch dies umstritten ist.

  • Wolbach, Wendy S., Joanne P. Ballard, Paul A. Mayewski, Victor Adedeji, Ted E. Bunch, Richard B. Firestone, Timothy A. French, u. a. „Extraordinary Biomass-Burning Episode and Impact Winter Triggered by the Younger Dryas Cosmic Impact ∼12,800 Years Ago. 1. Ice Cores and Glaciers“. The Journal of Geology 126, Nr. 2 (1. Februar 2018): 165–84. https://doi.org/10.1086/695703.
  • Wolbach, Wendy S., Joanne P. Ballard, Paul A. Mayewski, Andrew C. Parnell, Niamh Cahill, Victor Adedeji, Ted E. Bunch, u. a. „Extraordinary Biomass-Burning Episode and Impact Winter Triggered by the Younger Dryas Cosmic Impact ∼12,800 Years Ago. 2. Lake, Marine, and Terrestrial Sediments“. The Journal of Geology 126, Nr. 2 (1. Februar 2018): 185–205. https://doi.org/10.1086/695704.
  • Podbregar, Nadja. „Erlebte die Erde einen ‚Weltenbrand‘?“ Scinexx, 5. Februar 2018. http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-22378-2018-02-05.html.

Hinweis

Bitte beachten: In diesem Rundblick geht es vor allem um die schnelle Information. Daher sind einige Zusammenfassung recht technisch und erklären nicht alles in verständlicher Form, und teils habe ich noch nicht alle Artikel im Detail durchgearbeitet. Fehler und Unklarheiten bitte ich daher zu entschuldigen und freue mich über entsprechende Hinweise und Kommentare.